Dienstag, 24. Januar 2017

Franz Kafka: Die Verwandlung

Dies wird keine Rezension im eigentlichen Sinne.
Ich werde euch von meinem Leseerlebnis erzählen, über das Ende spoilern, Behauptungen darüber aufstellen, was der Autor wohl gesagt haben wollen würde hätte könnte, beziehungsweise was ich gedacht habe, als ich gelesen habe, was da mit Gregor Samsa passiert.
Kafka zu rezensieren, wie ich andere Bücher rezensiert habe, erscheint mir falsch. Gleichzeitig ist es auch nicht richtig, damit indirekt die Aussage zu treffen, er stehe höher als andere Autoren. Eine schwierige Sache. Ich fange einfach an.

Übrigens habe ich Die Verwandlung gelesen, weil ich mein CR in Köln vergessen hatte, als ich am Wochenende zu meinen Eltern gefahren bin. Dort stand es mit vielen anderen in meinem Regal und sprang mich förmlich an.

Handlung

Gregor Samsa wacht eines Morgens als riesiger Käfer in seinem Bett auf. Das kümmert ihn doch zunächst eher weniger, viel mehr erschrickt er darüber, dass er verschlafen hat. Seine Sorge um seinen Arbeitsplatz macht ihm zu schaffen. Nachdem sein Chef, der Prokurist, ihn als Käfer gesehen hat, ist an Arbeit nicht zu denken. Seine Eltern und seine Schwester, die Gregor bisher durchgebracht hat, müssen sich nun selbst helfen und Geld verdienen.

Interpretation (anstatt Meinung ;-))

Wie Gregor sein Käfer-Sein einfach nicht juckt, das wurmt mich :-D
Als er dann über sein Leben sinniert und über seine Arbeit, die ihm eigentlich zu anstrengend ist, könnte er auch mal darüber nachdenken, dass er so nicht arbeiten kann. Gregor unternimmt anstrengende Versuche, aus dem Bett zu kommen, und überlegt, was er seinem Chef sagen kann.

Er opfert sich für seine Familie auf, er ist der Ernährer und der Verantwortliche. Doch eigentlich gefällt ihm das nicht. Vielleicht ist seine Verwandlung eine Metapher für eine Veränderung, die in ihm vorgeht. Im Grunde will er sich nicht mehr aufopfern, am liebsten bliebe er im Bett. Auf Neumodisch würde ich sagen, er hat Burnout. Doch durch den Zwang seiner Umwelt muss er darüber nachdenken, was das bedeutet. Dass er eigentlich nicht aufhören kann zu arbeiten wegen einer Lappalie wie die Verwandlung in einen Käfer. Dass also eine Störung oder eine Krankheit ihn nicht abhalten können sollten. Doch sie können es. Gregor muss erkennen, dass er so nicht arbeiten und auch nicht am Familienleben teilnehmen kann.

Der Käfer wird von den anderen als eklig und abstoßend wahrgenommen. Seine Veränderung ist abstoßend, in dieser Deutung also auch sein Innenleben, sein Widerstreben. Seine Familie kommt nicht mit seiner Veränderung klar: Sie wissen nicht, wie sie reagieren sollen, sie zeigen ihm deutlich, was sie von seinem neuen Ich halten.
Doch einen wirklichen Vorwurf kann man ihnen kaum machen, denn ihr Sohn hat sich in einen widerwärtigen und nutzlosen Käfer verwandelt. So etwas ist ihnen noch nie untergekommen und woher sollen sie wissen, wie sie sich zu verhalten haben? Die Verwandlung hat einen sehr großen Einfluss auf ihr eigenes Leben: sie werden arm. Die Liebe zu ihrem Sohn reicht nicht aus um den finanziellen Verlust auszugleichen.

Vielleicht gehe ich da etwas hart mit der Familie ins Gericht. Denn Gregor lässt sich selbst ziemlich hängen. Nach ein paar misslungenen Versuchen, Kontakt mit den anderen im Hause aufzunehmen und sich einzubringen, hört er auf zu essen. Meines Erachtens fehlt hier eine gegenseitige Unterstützung.

Dann habe ich einen Zusatz in meinem Buch gelesen, in dem eine Deutung steht. Back to Nature, um es so auszudrücken, aber auch weg vom menschlichen Zwang, weg vom erdrückenden Alltag. Doch der weitere Lauf der Geschichte und die (Nicht-)Interaktionen zwischen Gregor und den anderen Familienmitgliedern werden nicht erläutert.

Achtung, Spoiler zum Ende:

Das Ende dann ist die Erlösung für Gregor. Er kann nicht zurück in sein altes Ich, zumindest nicht ohne Hilfe. In meiner Interpretation hat er eine Störung, die sich über lange Zeit mit negativen Gedanken zu seinem Leben entwickelt haben mag. Oder die Verwandlung ist die Erkenntnis, dass er so nicht weitermachen kann und will. Aber eine Lösung gibt es nicht im Leben, sondern nur im Tod. Seine Umwelt, seine Familie, ist sein Verhängnis. Sie sind von ihm abgestoßen, von seinem neuen Ich, seiner Störung, seinen negativen Gedanken, seiner Nutzlosigkeit. Er findet sich ab mit seiner neuen Gestalt und damit, dass die anderen es schaffen, sich selbst zu ernähren. Trotz Rückschlägen und Auseinandersetzungen versucht er, weiterhin Teil der Familie zu sein. Doch er nimmt vielleicht auch zu viel Rücksickt, versteckt sich, damit sie ihn nicht sehen müssen.

Die Abneigung der anderen setzt sich wie ein Geschwür in ihm fest, wie der vom Vater geworfene Apfel, der in seinem Panzer steckt und dort verfault. Er schmerzt ihn. Aber einen Weg zurück gibt es nicht.

Tragisch, das Ganze, die Aussichtslosigkeit.
Andererseits: Die Familie schafft es dann doch, ohne Gregor genug zu verdienen. Wenn sie ihm nicht alle Last aufgebürdet hätten, hätte er sich dann in einen Käfer verwandelt?

Gefallen hat mir das Buch. Und es lässt mich mit Fragen zurück. Gute Sache, würde ich sagen.
Um es kurz doch noch zu tun: Spannungsbogen vorhanden, erstaunlich flüssig zu lesen, mäßig sympathische Charaktere, interessantes Thema. ;-)








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