Mittwoch, 10. Mai 2017

Morton Rhue: Die Welle

Wie ich endlich über die Welle las






Ich wollte das Buch schon lange lesen und habe es endlich geschafft. Man könnte sagen, aus aktuellem Anlass, aber es kommt einem vor, als bestünde der immer.

Handlung

An einer amerikanischen Highschool nimmt der Lehrer Ben Ross im Geschichtsunterricht den zweiten Weltkrieg durch. Nach einem Film über die Taten der Nazis sind seine Schüler schockiert, wie Menschen bei solchen Grausamkeiten nicht nur wegsehen, sondern sich ihnen sogar anschließen. Ben Ross unternimmt daraufhin ein Experiment in seiner Klasse: Er denkt sich eine eigene Bewegung aus – die Welle. Und ist fasziniert, was seine Schüler tun, nur um dazuzugehören. Das Experiment gerät völlig außer Kontrolle.

Meinung

Auch für den Leser ist es faszinierend, wie die Schüler Schritt für Schritt tiefer in den Strudel der Welle geraten. Dabei merken sie gar nicht, welche Parallelen zwischen ihnen und den ehemaligen Nationalsozialisten bestehen. Teilweise wirken Handlung und Gespräche dem Zweck entsprechend gestellt. Das tut der Botschaft allerdings keinen Abbruch. Wenn ich mir vergegenwärtige, dass die Handlung auf wahren Ereignissen basiert, wirkt das Buch bedrückend und beängstigend.

Die Handlung beginnt harmlos. Die Schüler sind entsetzt über die Gräueltaten im zweiten Weltkrieg und Ben Ross versucht, ihnen das Gefühl von damals näher zu bringen. Von Geschichtsstunde zu Geschichtsstunde gibt er den Jugendlichen neue Regeln vor, die sie zu befolgen haben. Er fängt leicht an, die Schüler sollen Haltung bewahren und ihre Antworten auf das Nötigste beschränken. Der Lehrer ist fasziniert davon, wie diszipliniert die Kinder plötzlich werden. Sie fangen an, die Welle als Gemeinschaft zu betrachten. Jeder in dieser Gemeinschaft wird respektiert und jeder ist gleich. Das bedeutet jedoch, dass alle außerhalb der Welle nicht gleich sind und auch nicht respektiert werden müssen. Die Jugendlichen aus dem Geschichtskurs versuchen, mehr Mitschüler für die Bewegung zu gewinnen. Bis sie vor Diszipliniertheit nicht mehr sehen, was sie wirklich tun.

Die Handlung baut sich also nach und nach auf und der Leser kann genau nachvollziehen, wie die Welle die Schüler mitnimmt. Die Geschichte wird von Kapitel zu Kapitel immer schneller, parallel zu den sich aufbauschenden Gefühlen. Gleichzeitig werden aber auch äußere Sichtweisen auf die Welle dargestellt. Laurie, ein Mädchen aus Ross‘ Unterricht, spricht mit ihren Eltern über die Bewegung. Vater und besonders Mutter äußern Bedenken gegenüber dem Experiment, das den Kindern eigenständiges Denken verbiete.

Die Hauptfigur lässt sich schwer ausmachen. Die Geschichte wird unter anderem aus der Sicht von dem Lehrer Ben Ross erzählt, der von dem Experiment mehr und mehr begeistert ist. Er verbringt seine ganze Freizeit mit der Planung der Welle und will zunächst nicht sehen, was er bei den Schülern anrichtet. Ihm ist klar, dass er die Macht über die Kinder nicht missbrauchen darf, aber er gibt auch zu, dass die Vorstellung verlockend ist. Hier wird der Leser nicht nur mit der Sicht der Schüler, die die Rolle der Bürger im zweiten Weltkrieg einnehmen, konfrontiert, sondern auch mit der des Machtinhabers, der fasziniert ist von der Disziplin, die ihm entgegen gebracht wird.

Die zweite Hauptfigur ist Laurie Sanders, Chefredakteurin der Schülerzeitung und Teilnehmerin des Geschichtskurses und somit auch des Experiments. Sie selbst und ihre Eltern bringen der Welle Skepsis entgegen. Sie sind der Gegenpol in der Geschichte. Laurie ist mit einem anderen Schüler aus dem Kurs zusammen, der ihre negativen Gedanken über das Experiment nicht verstehen möchte. Die Gespräche der beiden werden zur grundlegenden Diskussion über das Verhalten von Menschen innerhalb und außerhalb einer Bewegung wie des Nationalsozialismus. Die Dialoge bringen dabei schnell auf den Punkt, welche Argumente es gibt, und wirken dadurch etwas gekünstelt. Trotzdem erklären sie deutlich, wie die beiden sich fühlen.

Das Thema ist und bleibt aktuell. Der Roman macht deutlich, wie Menschen durch geschickte Führung zu Gedanken und Taten gebracht werden können, die sie selbst zuvor abgelehnt haben. In diesem Fall wird aber auch die Möglichkeit aufgezeigt, sich zu wehren und Bedenken zu äußern.
Der Plot ist insgesamt durch einen Spannungsbogen gekennzeichnet, doch er entbehrt der Action, die ich erwartet habe. Ich habe das Buch sehr schnell durchgelesen, trotzdem hat mir etwas gefehlt. Mit Schrecken stelle ich fest, dass mich die Geschichte nicht genug schockiert hat. Als Rezipient in der heutigen Zeit ist man ganz andere Handlungen, Wendungen und Grausamkeiten aus Büchern gewohnt. Vielleicht ist es dadurch aber doch eher möglich, Realität zu werden?

Deswegen fällt es mir schwer, eine Bewertung festzulegen. Subjektiv finde ich das Thema so wichtig und bin dennoch nicht gepackt. Objektiv steht wieder das Thema positiv im Fokus, die Umsetzung als Geschichte, Handlung und Dialoge hätte ich mir aber noch natürlicher vorstellen können. Textintern würde ich das Buch deswegen schlechter bewerten als textextern. In diesem Falle zählt aber unzweifelhaft die textexterne Ebene. Von daher gibt es hier vier von fünf Seifenblasen.

Und keine weiteren Gedanken. Lest das Buch und macht sie euch.

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