Donnerstag, 25. Mai 2017

Vatertag oder Warum ich lese, was ich lese


Mai-Special

Als Kind hat man keinen eigenen Fernseher. Zumindest ich nicht und ich bin froh, dass auch mein neunjähriges Patenkind heute keinen hat. Trotzdem schaute ich gerne fern, natürlich, und wenn ich es also wollte, musste ich mich ins Wohnzimmer zu meinen Eltern setzen. Wir haben viele Kinderserien und -filme geschaut, alles altersgemäß und mit Reflexion durch Mama und Papa.

Wenn mein Papa aber wieder seine Science-Fiction-Serien und -filme schaute, was er oft und gerne tat, musste man mitschauen, wenn man alle seine Bücher durchgelesen hatte (was damals tatsächlich noch häufig vorkam). Enterprise und Star Trek waren mir schon in der Grundschule ein Begriff – und ich mochte es. Im Gegensatz zu meinen Freundinnen wusste ich, was Warp-Geschwindigkeit war, und dass Klingonen nun mal Klingonisch sprechen.

Ich verstand wahrscheinlich nichts von alledem, aber mein Papa wurde nicht müde, mir das hypothetische Weltall mit seinem noch aus der Schule vorhandenen Physikwissen zu erläutern. Ob von diesen Erklärungen etwas hängengeblieben ist, sei mal dahingestellt, aber noch heute faszinieren mich Schwarze Löcher und ich kann einfach nicht akzeptieren, dass die Zeit im Weltall langsamer laufen soll. (Schön und gut, die Atomuhr geht da vielleicht schneller, aber was hat das mit der von Menschen gemachten Zeiteinteilung zu tun? Ich bin offen für jeden, der sich mit mir und der Zeit auseinandersetzen will :-D Und ja, Stephen Hawking steht auch in meinem Regal.)

Welches die erste Dystopie ist, die ich gelesen habe, kann ich gar nicht mehr genau sagen. Vielleicht war es Das Haus der Treppen in der achten Klasse. Damals hat es mich noch ein bisschen verstört, heute verstören Dystopien mich zutiefst und das mag ich an ihnen. Als eine Art Unterkategorie der Science-Fiction (über dieses Genre-Zeug lässt sich ja so wunderbar streiten) haben Dystopien mich gefesselt. Die theoretische Zukunft mit seinen Konflikten, die alle unsere Gesellschaften von heute spiegeln, ist genau das, worüber ich lesen will. Getreu dem Motto „The best books, he perceived, are those that tell you what you know already“ (George Orwell, 1984).

Mein Papa spricht auch gerne über solche Dinge. Konflikte, Entscheidungen zwischen dem einen und dem anderen Übel, Gesellschaft, Revolution, was wichtig ist, wie die Menschen so ticken. Die Hälfte davon ist „nur“ seine eigene Meinung, aber es ist schön, sich mit jemandem darüber auszutauschen. Und es ist schön, dass es Literatur und Filme darüber gibt. Ich persönlich bin ja Fan von The 100, der Serie, weil ich das Buch erst danach entdeckt habe. Diese wunderbar furchtbaren Entscheidungen, die getroffen und umgesetzt werden müssen, die Zerrissenheit, wie man mit den Menschen und sich selbst umgehen soll, die Gefahr, seinen niedersten, biologischen Instinkten zu verfallen. Dass die Welt nicht schwarz-weiß ist, sondern alle Abstufungen von Grau enthält, nicht wie Worte auf Papier, sondern wie Schatten zu jeder Tages- und Nachzeit.

Zu alldem hat mich irgendwie mein Vater gebracht. Weil ich mit ihm solche Dinge im Fernsehen geschaut habe, weil in den Bücherregalen meines Elternhauses zum Beispiel Isaac Asimov steht. Weil wir über solche Dinge sprechen und diskutieren, weil wir beide irgendwie kleine Idealisten sind. Weil wir uns über Roboter, technologische Singularität und Gentechnik streiten. Und uns damit wohl fühlen.

Ich bin dankbar, dass mein Vater mir diese Dinge näher gebracht hat und mein Buchregal, meine Serienliste und mein Kopf mit diesen Dingen vollgestopft sind. Wahrscheinlich werden wir alle in unserem Leseverhalten beeinflusst von anderen und von Umständen und Gewohnheiten. Auch von eigenen Interessen, aber die haben sich auch durch andere entwickelt. Bei mir ist es mein Papa.

Dienstag, 23. Mai 2017

Lesetipps im Mai

Die Lesetipps im Mai sind zusammengeschustert aus den Empfehlungen von zwei Leuten.
Fangen wir an mit einem Buch von der lieben, besten Chrissy (Instagram @library_of_imaginations):


Julian Fellowes: Belgravia

Brüssel am 15. Juni 1815, der Abend vor der Schlacht bei Waterloo. Auf einem Ball begegnen sich Sophia und Edmund. Er ist der Nachkomme einer adeligen Familie, ihre Eltern mussten sich das Geld erarbeiten. Sie gehören nicht zusammen, aber das scheint egal.
Dann marschiert Napoleon ein und beide Familien stehen vor großen Problemen. Und ob Sophia und Edmund sich wiedersehen, ist ungewiss.







Machen wir weiter mit zwei Tipps von zwei Verrückten, die ich sehr lieb habe:

Isaac Asimov: Roboter-Visionen
(Was mein Papa auch empfehlen würde)

In einzelnen Kurzgeschichten erfindet Asimov die Welt von Morgen. Der Science-Fiction-Autor beschäftigt sich intensiv mit Robotern und der Aufstellung der drei Roboter-Gesetze, die das Miteinander von Robotern und Menschen regeln sollen. In den Geschichten untersucht der Autor selbst, wie die Gesetze außer Kraft gesetzt werden können.








Max Frisch: Homo Faber

Walter Fabers Welt ist rational und geordnet. Aber die Welt spielt da manchmal nicht mit und durch Zufall trifft er auf seine Vergangenheit. Mit der Zeit wird ihm klarer, was das Leben bereithält, wovor er sich aber versteckt hat. Dabei wirft der Autor Fragen nach dem Schicksal auf und der Möglichkeit, sein Leben selbst zu gestalten.

Jetzt, wo ich das so höre, lese und schreibe, muss ich das wohl auch einmal lesen :-D







Vielleicht ist ja auch etwas für euch dabei :-)


Mittwoch, 10. Mai 2017

Morton Rhue: Die Welle

Wie ich endlich über die Welle las






Ich wollte das Buch schon lange lesen und habe es endlich geschafft. Man könnte sagen, aus aktuellem Anlass, aber es kommt einem vor, als bestünde der immer.

Handlung

An einer amerikanischen Highschool nimmt der Lehrer Ben Ross im Geschichtsunterricht den zweiten Weltkrieg durch. Nach einem Film über die Taten der Nazis sind seine Schüler schockiert, wie Menschen bei solchen Grausamkeiten nicht nur wegsehen, sondern sich ihnen sogar anschließen. Ben Ross unternimmt daraufhin ein Experiment in seiner Klasse: Er denkt sich eine eigene Bewegung aus – die Welle. Und ist fasziniert, was seine Schüler tun, nur um dazuzugehören. Das Experiment gerät völlig außer Kontrolle.

Meinung

Auch für den Leser ist es faszinierend, wie die Schüler Schritt für Schritt tiefer in den Strudel der Welle geraten. Dabei merken sie gar nicht, welche Parallelen zwischen ihnen und den ehemaligen Nationalsozialisten bestehen. Teilweise wirken Handlung und Gespräche dem Zweck entsprechend gestellt. Das tut der Botschaft allerdings keinen Abbruch. Wenn ich mir vergegenwärtige, dass die Handlung auf wahren Ereignissen basiert, wirkt das Buch bedrückend und beängstigend.

Die Handlung beginnt harmlos. Die Schüler sind entsetzt über die Gräueltaten im zweiten Weltkrieg und Ben Ross versucht, ihnen das Gefühl von damals näher zu bringen. Von Geschichtsstunde zu Geschichtsstunde gibt er den Jugendlichen neue Regeln vor, die sie zu befolgen haben. Er fängt leicht an, die Schüler sollen Haltung bewahren und ihre Antworten auf das Nötigste beschränken. Der Lehrer ist fasziniert davon, wie diszipliniert die Kinder plötzlich werden. Sie fangen an, die Welle als Gemeinschaft zu betrachten. Jeder in dieser Gemeinschaft wird respektiert und jeder ist gleich. Das bedeutet jedoch, dass alle außerhalb der Welle nicht gleich sind und auch nicht respektiert werden müssen. Die Jugendlichen aus dem Geschichtskurs versuchen, mehr Mitschüler für die Bewegung zu gewinnen. Bis sie vor Diszipliniertheit nicht mehr sehen, was sie wirklich tun.

Die Handlung baut sich also nach und nach auf und der Leser kann genau nachvollziehen, wie die Welle die Schüler mitnimmt. Die Geschichte wird von Kapitel zu Kapitel immer schneller, parallel zu den sich aufbauschenden Gefühlen. Gleichzeitig werden aber auch äußere Sichtweisen auf die Welle dargestellt. Laurie, ein Mädchen aus Ross‘ Unterricht, spricht mit ihren Eltern über die Bewegung. Vater und besonders Mutter äußern Bedenken gegenüber dem Experiment, das den Kindern eigenständiges Denken verbiete.

Die Hauptfigur lässt sich schwer ausmachen. Die Geschichte wird unter anderem aus der Sicht von dem Lehrer Ben Ross erzählt, der von dem Experiment mehr und mehr begeistert ist. Er verbringt seine ganze Freizeit mit der Planung der Welle und will zunächst nicht sehen, was er bei den Schülern anrichtet. Ihm ist klar, dass er die Macht über die Kinder nicht missbrauchen darf, aber er gibt auch zu, dass die Vorstellung verlockend ist. Hier wird der Leser nicht nur mit der Sicht der Schüler, die die Rolle der Bürger im zweiten Weltkrieg einnehmen, konfrontiert, sondern auch mit der des Machtinhabers, der fasziniert ist von der Disziplin, die ihm entgegen gebracht wird.

Die zweite Hauptfigur ist Laurie Sanders, Chefredakteurin der Schülerzeitung und Teilnehmerin des Geschichtskurses und somit auch des Experiments. Sie selbst und ihre Eltern bringen der Welle Skepsis entgegen. Sie sind der Gegenpol in der Geschichte. Laurie ist mit einem anderen Schüler aus dem Kurs zusammen, der ihre negativen Gedanken über das Experiment nicht verstehen möchte. Die Gespräche der beiden werden zur grundlegenden Diskussion über das Verhalten von Menschen innerhalb und außerhalb einer Bewegung wie des Nationalsozialismus. Die Dialoge bringen dabei schnell auf den Punkt, welche Argumente es gibt, und wirken dadurch etwas gekünstelt. Trotzdem erklären sie deutlich, wie die beiden sich fühlen.

Das Thema ist und bleibt aktuell. Der Roman macht deutlich, wie Menschen durch geschickte Führung zu Gedanken und Taten gebracht werden können, die sie selbst zuvor abgelehnt haben. In diesem Fall wird aber auch die Möglichkeit aufgezeigt, sich zu wehren und Bedenken zu äußern.
Der Plot ist insgesamt durch einen Spannungsbogen gekennzeichnet, doch er entbehrt der Action, die ich erwartet habe. Ich habe das Buch sehr schnell durchgelesen, trotzdem hat mir etwas gefehlt. Mit Schrecken stelle ich fest, dass mich die Geschichte nicht genug schockiert hat. Als Rezipient in der heutigen Zeit ist man ganz andere Handlungen, Wendungen und Grausamkeiten aus Büchern gewohnt. Vielleicht ist es dadurch aber doch eher möglich, Realität zu werden?

Deswegen fällt es mir schwer, eine Bewertung festzulegen. Subjektiv finde ich das Thema so wichtig und bin dennoch nicht gepackt. Objektiv steht wieder das Thema positiv im Fokus, die Umsetzung als Geschichte, Handlung und Dialoge hätte ich mir aber noch natürlicher vorstellen können. Textintern würde ich das Buch deswegen schlechter bewerten als textextern. In diesem Falle zählt aber unzweifelhaft die textexterne Ebene. Von daher gibt es hier vier von fünf Seifenblasen.

Und keine weiteren Gedanken. Lest das Buch und macht sie euch.